Pessimismus: Darauf trinke ich!

17.03.2009

Haben Sie Ihr Lieblingsnachrichtenmagazin schon gegen das neuste Klatschheftchen eingetauscht? Sehen Sie statt der Tagesschau lieber eine Late-Night-Show? Oder lesen Sie in Ihrer Tageszeitung nur noch die Sportresultate? Kein Grund zur Panik. Denn Sie sind nicht allein! Das sind alles nur Anzeichen dafür, dass Sie genug haben von steigenden Benzin- und fallenden Eigenheimpreisen, von den schlechten Nachrichten aus dem Nahen Osten und – ach, wie schrecklich – vom Rummel um Madonnas Scheidung.

Die Nonprofitorganisation The Conference Board, die seit 1967 die Stimmungsschwankungen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufzeichnet, hat kürzlich bekannt gegeben, dass auch das Vertrauen der amerikanischen Konsumenten auf einen absoluten Tiefststand gesunken ist. Ernüchternde, aber angesichts der jüngsten Berichterstattung in den Medien kaum überraschende Zahlen.

Dennoch wage ich zu behaupten, dass das beste Mittel, um uns aus dieser weltweiten Misere aufzurütteln, die Misere selbst ist, denn ohne sie fühlten wir uns wahrscheinlich nicht dazu gezwungen, die richtigen Schritte in eine bessere Zukunft zu machen. Wenn die Alarmglocken läuten, schreiten die Amerikaner nämlich zur Tat. Jawohl, Freunde: Pessimismus ist der Vorbote des Optimismus!

Nehmen wir zum Beispiel die steigenden Ölpreise. Es ist kein Geheimnis, dass Amerika sich während Jahrzehnten der günstigsten Benzinpreise diesseits von Riad erfreute. Und wo sind wir heute? Am Steuer eines spritfressenden SUV, wo wir uns über öffentliche Verkehrsmittel und globale Erwärmung lustig machen. Muss man sich da noch über die vor Kurzem veröffentlichte Bekanntgabe von Ford wundern, wonach die Verkaufszahlen bei Geländewagen gegenüber dem Vorjahr um 55 % gesunken sind? Die Verkaufszahlen des sparsameren Ford Focus stiegen dagegen um 53 % – und die Anzahl verkaufter Hybridfahrzeuge hat sich in den vergangenen zwölf Monaten in den USA gar verdoppelt.

Wussten Sie übrigens, dass in Amerika pro Kopf mehr Wasser aus Plastikflaschen getrunken wird als in jedem anderen Land? Leider werden weniger als 5 % dieser Flaschen wiederverwendet, und 100 Millionen PET-Flaschen, deren Herstellung Erdöl benötigt, landen im Abfall – täglich! Zum Glück lernen die Amerikaner langsam, dass sie auch eine wiederverwendbare Flasche mit Leitungswasser füllen können – was sowohl dem Portemonnaie als auch der Umwelt nützt. In einer vor Kurzem durchgeführten Umfrage von Morgan Stanley gaben 25 % der Konsumenten an, dass sie weniger Getränke in Flaschen und dafür mehr Leitungswasser trinken würden, um ihre Umweltbelastung zu minimieren. Ich würde sagen, das Glas ist halb voll!

Vom Ausstieg aus dem Kyoto-Protokoll bis zum Schlamassel im Irak – ausser der zünftigen depressiven Verstimmung steckt Amerika international auch noch in einer tiefen Image-Krise. Andererseits stimmt es mich optimistisch, dass mein Land den Beweis angetreten hat, dass Hautfarbe wirklich kein Hindernis mehr ist – obwohl die meisten Leute glaubten, dies würde zu ihren Lebzeiten niemals geschehen. Aber muss man sich im Nachhinein wundern, dass Barack Obama in der Vorwahl die haushohe Favoritin geschlagen hat und auch im Rennen um die Präsidentschaft einen beträchtlichen Vorsprung herausgeholt hat – alles auf der Grundlage einer Kampagne, die Hoffnung weckt?

Geben Sie mir dieses halb volle Glas. Ich trinke auf die Zukunft!

STEVE WASIK